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DATA EXCHANGE

intermediale Mixed Reality Performance

Luc Gross,
verlag trauma , 2010



Die Nabelschnur ist das zentrale Sinnbild und Medium im Prozess Data Exchange.

Von Beduinenfrauen erworben im Tausch gegen Zeltplanen, Goldringe und aber auch Geld wird sie zum Handelsgut und steht für Datenfluss - ist Symbol, Werkzeug und schliesslich Material zur Produktion von Kunst.

Der Datenstrang in seiner ursprünglichsten Form wird zum Pendant unseres digitalen Datenrausches. Stammzellen von Wüstenziegen werden von Barbara Husar transmedial auf Binärweiden getrieben. Begriffe wie Secondlife, Farmville, Herdenphänomen, Organismus, Netzstruktur oder Dynamik befruchten sich und klaffen ineinander aus grundlegenden Spähren zweier Welten heraus, welche gegensätzlicher nicht sein könnten - und in welche Husar beiderseits über das Tool der Nabelschnur vordringt. 

Einerseits die archaische, von minimalistischer Improvisation geprägte Überlebenskultur der Wüstenbewohner und andererseits die von Informationsüberfluss geprägte HighTechSociety des Westes. Die Kultur der Beduinen wird in das System Kunst geschleust, und das System Kunst wiederum in die Beduinenkultur. 

Grosse Skepsis schenkten ihr die Hirtinnen auf der Halbinsel Siani als Husar 2007 erstmals um Nabelschnüre anfragte. Die Beduinen vermuten den Sitz der Seele in der geheimnisvollen Schnur (habl surri; das ist die arab. Bedeutung für die Nabelschnur). Es wurde der Künstlerin nahegelegt, eine eigene Herde zu erwerben und die weiteren Anliegen direkt mit Allah zu kommunizieren. Die Fördergelder für neue Medien von NetzNetz und der Stadt Wien wurden sodann in eine Herde investiert und diese gut behütet. Zwischenzeitlich fand so manche Wüstenbewohnerin doch auch ihren Gefallen am Netzwerken und ermöglichte es Husar, 2010 schon 79 Nabelschnüre nach Österreich zu bringen, wo sie ihr als Hirtin ihrer Festplattenherde, welche den Datenaustausch mit den Hüterinnen der jahrtausendealten Nomadentradition speichert, als Transportmedium dienen.

Im Produktionsprozess DataExchange lässt Husar Begriffe aus dem digitalen Raum wie Schnittstelle, Informationsdesign, Hard- oder Software naiv metaphorisch werden, verwebt sie zu transmedialen Organismen und kulminiert im virtuellen Raum des Internetz alle prozessorientiert entstandenen Medienebenen von experimentellem Dokumentarfilm, Performance, Animation, Installation, Malerei, Photographie, Zeichnung etc. Schuhschnallen werden zu Schnittstellen, Fritteusen zu Informationsverdrahtungen, Wüstenziegen zu Datenpakten und Nabelschnüre zu Glasfasterleitungen. Hierbei werden nicht nur permanent Rückschlüsse in aktuelle Kommunikationsmechanismen hergestellt, sondern das Nervensystem in seiner Zellkommunikation und das Potenzial der Stammzellen thematisiert.

Was entsteht ist eine intermediale Mixed Reality Performance, welche die Wechselbeziehung zwischen dem realen und dem virtuellen in einer Privatsprache, die zugleich auch Kunstsprache und eben Programmiersprache ist, erklärt. Das Alphabet dieser Programmiersprache wird in Form klassischer, sich ständig erweiternder (derzeit 642) Druckstempel fixiert und dient zur Produkton sich permutierender, analoger Screenshots eines eigens geschaffenen Universums, dem Prozess Data Exchange, welcher - ongoing - und nur ein erklärtes Ziel besitzt: eine Hängematte aus Nabelschnüren.

Data Exchange ist als transkulturelle Gesamtskulptur wahrzunehmen. Über das auratische Kunstwerk hinaus integriert dieser Prozess eine Fülle systemfremder Elemente und kann durchaus als eigendynamischer Organismus verstanden werden.

In reduziertester Form manifestiert sich der Organismus Data Exchange in der Ziegenpille, welche unter anderem aus Nabelschnurpulver besteht und eine Annäherung an die Neuronatur einer Wüstenziege ermöglicht, die fern ab der grossen Datenschlachten weidet. Die Pille kann mögliche digitale Reizüberflutungen ausbalancieren und ist essenziell kommunikativer Bestandteil jeder Ausstellung Husars.