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2007

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INDEX phase 07 - 013 husar.tk

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Barbara Husar´s Data Exchange
betrachtet vom Ethnologen und Urbanen Volxkünstler

R U D I . H U E B L


In unserer entzauberten Zeit ist es noch gar nicht so lange her, dass „prälogisches Denken“ (L.Levy-Bruhl) bzw. „wildes Denken“ (Claude Lévy-Strauss:“La pensée sauvage“) unser Verhalten geprägt hat. Z.B. galt es für Schwangere nicht über eine Wagendeichsel zu steigen, damit die Nabelschnur sich nicht verwickle und die Leibesfrucht erdrossle.
Analogiehandlungen sind typisch für vormoderne Gesellschaften.
Krankheiten werden u.a. auch als böswilliger Akt von Mitmenschen der eigenen Gemeinschaft angesehen: Hexerei oder schwarze Magie stellen die einzige Erklärung für letztendlich als Schicksalsschläge zu bezeichnende Ereignisse dar.
Zum Schlagwort Nabelschnur hat die Volksmedizin einige Rezepte parat:
…gab man die in einem Leinwandsäckchen aufbewahrte Nabelschnur seinem Kind nach dessen sechsten Geburtstag, gehackt in einer Eierspeise, wollte man den Verstand anregen. Legte man sie dem Kind beim ersten Schulgang auf die Brust, so sollte es leicht lernen. Mädchen bekamen zerstochene Nabelschnüre, damit sie im Leben praktisch und geschickt würden…..
Diesen als Aberglauben belächelten Handlungsanweisungen stelle ich gegenüber, dass heutzutage das Blut aus Nabelschnüren von der Stammzellenforschung gesammelt wird.
Die Frage nach einem nicht-technologischen Datentransfer stellt sich.
Es verstehen die Natur-, richtiger, Elementarreligionen den Menschen mit seiner geschlechtlichen Zuordnung nur als halbes Wesen. In sexueller Vereinigung entsteht die göttliche Kraft, welches neues Leben zu zeugen imstande ist. Diese Ur-Energie wird im Hinduismus als „Shakti“ bezeichnet. Ein hinduistischer Altar ist eigentlich eine Skulptur, die eindeutig einen Geschlechtsakt zeigt: die „Yoni“, das weibliche Geschlechtsorgan als Symbol des kosmischen Mysteriums, vereint mit dem Lingam (=Phallus), dem sowohl schaffende, wie zerstörerische Qualitäten zugeordnet werden.
Diese „heidnischen“ Darstellungen finden sich in keiner abrahamitischen Religion, aber sie könnten in Mythen überlebt haben.
Jawohl Barbara, du hast die Chance Eingang zu finden in die Mythen- und Sagenwelt der Beduinenfrauen, einer Welt in der nur für Frauen bestimmtes über Jahrhunderte weitererzählt, gesungen etc. wird; einer Welt in der vorislamische „Survivals“ den Husar´schen Datenhighway zeitlos entlanggleiten.
Somit ist die Nabelschnur Mythosträger und biophysisches Relikt der Schnittstelle zwischen Ur-Energie und Endlichkeit aller lebendgebärenden Kreaturen.
Somit ist die Nabelschnur aber auch ein kunstmarktfähiger Souvenir-Artikel einer Aktionismus-Performance eines „intelligenten Designers“.
Somit ist die Aussage der Beduinenfrauen bestätigt, dass in der Nabelschnur die Seele Allahs ist und sie skeptisch sind, ob damit Handel getrieben werden sollte.

Das ethnologische Prinzip des „going native“ – damit in der Feldforschung anerkannt gearbeitet werden kann (egal ob wissenschaftlich oder wie in diesem Fall als Künstlerin) – hat Barbara Husar mit dem Anschaffen der kleinen Ziegenherde richtig erkannt. Wohl kaum hat sie es berechnet oder geplant, wie es die klassische völkerkundliche Schule empfiehlt, um in der zu untersuchenden Gesellschaft möglichst glaubwürdig aufzutreten. Eher hat sie ihre feingliedrigen Fühler ausgestreckt, um an den jeweiligen Endpunkten ihrer Nervenstränge das mikro-, wie makrokosmische Informationsmaterial zu vernetzen (um in ihrer Sprache zu bleiben).
Bedurfte Herrschaft seit jeher eines weltlichen, wie eines überirdischen, auch göttlichen Prinzips, die einander bestätigen, so ist Barbara Husar auf der Seite der SchamanInnen, Medizinmänner, bzw. Medizinfrauen, Hexen etc. zu finden. Unsere aufgeklärten, modernen, postmodernen und sonst irgendwie modernen Epochen liefern inflationär Informationsmaterial für Wissenschaft, speziell Technik und Medizin. Barbara Husar ist eine alleinig Suchende, Forschende auf einem Weg, den vor ihr noch niemand betreten hat, oder die nicht mehr zurückgekommen sind. Obacht Barbara, du kannst nicht wissen, mit welchen Kräften du dich messen wirst müssen. Auch auf deinem speziellen Datenhighway gilt: wer die
Macht hat, der kontrolliert die Informationen. Infos zur falschen Zeit am falschen Ort zum Schaden der Mächtigen können schnell zum Abenteuer mit unsicherem Ausgang werden.
Als eine Art Leitfaden gebe ich dir die emisch/ethischen Grundsätze der Kulturanthropologie mit, die sich immer bewähren:

wie sehe ich mich
wie sehe ich ihn/sie
wie sieht er/sie sich
wie sieht er/sie mich

Inshallah & Asslama