....................................

2007

a b o u t


→ f i l m
→ p u b
→ o i l

→ e d i t i o n
→ t x t
news press contact credits
INDEX phase 07 - 013 husar.tk

txt.tobias noebauer | txt.rudi huebl |
Informationskörper & Symbolresonanz

von Tobias Noebauer

→ english

Gegeben sei folgendes Ensemble: Eine Wiener Künstlerin (Aida Galactica) fliegt per Airbus A320 in den Sinai, tauscht zwei Notebooks (CISC x86-32 bit, 90 nm CMOS), gegen einen Autoanhänger (einachsig, auflaufgebremst), fährt mit einem lokalen Freund (Salama Farrag, 38 Jahre) und einer rhythmustherapierenden Arabisch-Dolmetscherin (Milena Gartler, 32 Jahre) die Wadis entlang, um von Nomadenfrauen Nabelschnüre von Schafen im Tausch zu erwerben, etwa gegen Zeltplanen, Goldringe oder selbstgebrautes Kölnisch Wasser, die sie für ihren Werkzyklus zum Fließen von Informationen benötigt. Mit im Spiel außerdem: Flugdrachen mit handgestrickten roten Schnüren, ein Swarovski-Katalog mit Knüpfmustern, Sandalen aus westafrikanischen Abfall-Autoreifen und Zigarettenpapier. Das Wiener selbstverwaltete Fördersystem für Netzkunst und Netzkultur (netznetz.net) hat sich zuvor von selbst entschlossen, dieses Projekt finanziell zu unterstützen, zwischendurch tauchten zwar Bedenken (nicht ernstzunehmen) auf der Liste (GNU Mailman, Python) auf, ob die Notebooks nicht Terroristen oder Fundamentalisten zugute kommen könnten, aber das war wohl ohnehin längst der Fall.
Gesucht: Die Nummer jenes Reality-Abstraction-Layers, auf dem dieses Ensemble in symbolresonante Selbstwechselwirkung tritt und als sinnhafte Eigenform Impuls gewinnt.
Durch die Nabelschnüre der Nomadenschafe wird das gesamte Eigenbaumaterial für neue Schafe angeliefert, sie sind zugleich Breitbandkabel und Intimkörperteil. Manche Nomaden sind zunächst unsicher, ob Allah denn einem zweiten Leben der – offenbar schon hier von Lebensspediteuren zu Bedeutungsresonanzen beförderten – Schnüre als Symbole für nichtvirtuelle Datenpakete zustimmt. In persönlichem, gegenständlichen Tausch lassen sich aber Modelle finden, die es der Künstlerin ermöglichen, mit den Schnüren in der Hand selbst zum geburtshelfenden Datenstrom zu werden. Barbara Husar gelingt mit „Data Exchange“ eine surreale Skulptur aus ausgedehnten Informationskörpern, hype-unempfindlichen Lebensformen und der wechselseitigen Bedingtheit von Werkzeug und Mythos, der Oszillation von Symbol und Gegenstand. Ihre Furchtlosigkeit vor transkulturellen Kommunikationskatastrophen ist in Humor wohlbegründet; ihr Vokabular und Inventar sind reichhaltig, ihre Geschichten inspirierend.